Aufzeichnung

Wie viel Zuversicht verträgt Journalismus?

In der 19. Ausgabe der Zuversichtlichen am 17. September 2026 sprachen Reinhard Schneider, Inhaber von Werner & Mertz, und die Journalistin sowie Gründerin des Bonn Institute, Ellen Heinrichs, über die Frage, welche Rolle Journalismus heute bei der Suche nach Orientierung, Zuversicht und gesellschaftlichem Zusammenhalt spielen kann. Ergänzt wurde die Diskussion durch die politische Content Creatorin Lilian Böhme, die ihre Erfahrungen einbrachte. 

Ausgangspunkt des Gesprächs war eine Beobachtung, die viele Menschen teilen: Die Flut negativer Nachrichten führt zunehmend zu Überforderung und Nachrichtenmüdigkeit. Zugleich stellt sich die Frage, warum wir so selten von Lösungen und positiven Entwicklungen erfahren. Ellen Heinrichs verwies auf Studien, nach denen inzwischen mehr als 70 Prozent der Deutschen angeben, Nachrichten zumindest zeitweise zu vermeiden. Viele Menschen empfinden die Berichterstattung als zu negativ. 

Geschichten des Gelingens sichtbarer machen 

 Ellen Heinrichs erläuterte das Konzept des konstruktiven Journalismus und warb dafür, Probleme weiterhin klar zu benennen, gleichzeitig aber auch Lösungsansätze stärker sichtbar zu machen. Im Mittelpunkt stand die Idee, nicht nur über Missstände zu berichten, sondern auch über erfolgreiche Beispiele und Geschichten des Gelingens. Anhand konkreter Beispiele zeigte sie, wie lösungsorientierte Berichterstattung Orientierung geben und dazu beitragen kann, dass Menschen sich wieder stärker mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen. Dabei wurde deutlich: Journalistischer Anspruch und die Berichterstattung über funktionierende Lösungen schließen sich nicht aus. 

Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage, wie Polarisierung überwunden werden kann. Die Gesprächspartner betonten die Bedeutung von Zuhören, Perspektivenvielfalt und respektvollem Dialog. Ellen Heinrichs plädierte dafür, dass Journalismus heute nicht nur „sagen, was ist“, sondern stärker „hören, was ist“ müsse.  

Von kurzfristigen Reaktionen zu langfristiger Reflexion 

Reinhard Schneider lenkte den Blick auf die Mechanismen moderner Kommunikation. Kurzfristige Aufmerksamkeit sei oft leichter zu erzeugen als nachhaltiges Interesse. Entscheidend sei jedoch, Menschen nicht nur dort abzuholen, wo sie stehen, sondern sie für neue Perspektiven zu öffnen und langfristige Reflexion anzuregen. Denn, so Schneider, reflexhafte Reaktionen und kurzfristiges Denken helfen nicht dabei, die großen Herausforderungen unserer Zeit zu lösen. 

Eine zentrale Erkenntnis des Abends war: Kritischer Journalismus und konstruktive Lösungsorientierung sind kein Widerspruch. Wer Menschen erreichen will, muss ihnen zuhören, unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und zeigen, wo bereits an Lösungen gearbeitet wird.